Demo speech from 13.06.20

This speech was held at the Black Lives Matter Demonstration in Halle, at the 13.06.20. Germany has a massive problem with racism and things have been getting worse. This country is blind: Many Germans don’t see racism and where they do, they don’t see that/how they are involved in it. Consequentially, they don’t see the need to actually act anti-racist. I don’t have a positive outlook on Germany’s anti-racist future.
In this speech I tried to address some narratives that in turn make it impossible to address racism, and that block important reflective processes in the heads of people. Further, I call people to do more than only attending this demonstration. An anti-racist stand needs to be established in ALL facets of our lives.

I will provide a translation later.

Watch the video here.

Hi. Ich lebe hier in Halle – bin hier aufgewachsen – und hatte Glück. Im Gegensatz zu Oury Jalloh, Breonna Taylor und George Floyd wurde ich nie Opfer von Polizeigewalt, schon gar nicht von tödlicher. Offensichtlich. Ich wurde auch noch nie von Rassisten zusammengeschlagen. Für manche Leute hätte ich demnach nie Rassismus erfahren. Solche Leute finden es ok das N-Wort zu sagen. Nichts gegen dich. Solche Leute denken auch es sei ok ihre leichte Sommerbräune mit meiner Haut zu vergleichen. Oder ungefragt meine Haare anzufassen – wenn sie sich denn trauen. Solche Leute sagen mir auch ungeniert: „Du hast Schamhaare auf dem Kopf“. Und wenn ich diesen Leuten dann sagen möchte: „Hey du, was du da machst oder sagst finde ich gar nicht gut, das verletzt mich und ist rassistisch“ – Ohhhh. Dann wird jegliche Diskussion über den eigentlichen Sachverhalt abgeblockt: Das war doch nicht so gemeint, das solltest du doch wissen, ich hatte doch nur gute Absichten, du bist viel zu sensibel, es dreht sich nicht immer alles um Rassismus, ich sehe keine Hautfarben und vielleicht bist du doch eigentlich der Rassist. Die üblichen Abwehrmechanismen, die ich schon sehr frühe habe kennenlernen müssen. „Argumente“, die rassistische Äußerungen in den Bereich des Sagbaren verschieben und das Benennen von Rassismus unmöglich machen. Kein Wunder also, dass sich Deutschland schon wieder beziehungsweise immer noch fragt: Gibe es Rassismus in Deutschland überhaupt?
Seit Jahren bringen wir schwarze den Mut auf um Rassismus in Deutschland anzusprechen. Weshalb unsere Stimmen nicht gehört werden, habe ich euch eben erklärt. Sie können nicht gehört werden solange solche Denk- und Argumentationsmuster nicht kritisch hinterfragt werden. Vorher können wir uns aber auch nicht der eigentlichen, viel wichtigeren Frage widmen: Wie äußert sich Rassismus in Deutschland eigentlich? Und ohh, ich will gar nicht anfangen beim Kindergarten, dem Schulwesen, Uni, Arbeit, Jobsuche, Wohnungssuche, dem Gesundheitswesen, den Medien.
Trotzdem stehen wir heute hier, protestieren auf der Straße, ziehen blank vor euch nachdem wieder einer von uns hat sterben müssen – damit ihr anfangt uns Gehör zu schenken.
Die Frage ist: geht euer Gehör über diese Demo hinaus? Wenn #blacklivesmatter nicht mehr im Trend ist, macht ihr euch dann noch dafür stark? Wenn keine schwarze Person mehr da ist und euch dazu ermahnt, seid ihr dann noch anti-rassistisch? Und wenn sie da ist und Opfer von Rassismus wird, steht ihr dann noch für sie ein? All das hier ist nutzlos wenn ihr nicht den Aufwind dieser Bewegung nutzt, euch auf eure eigene rassismuskritische Reise begebt und so viele mitnehmt wie ihr nur könnt. Nutzt die Ressourcen, die euch zur Verfügung stehen, euch ja geradezu hinterhergeworfen werden und etabliert eine antirassistische Haltung in eurer Familie, in eurem sozialen Umfeld, auf Arbeit und in allen Öffentlichen Räumen, in denen ihr euch bewegt. Überlasst aktiven Anti-Rassismus nicht mehr dem Zufall. Und schon gar nicht nur uns Schwarzen. Macht ihn zum Standard. Zu einem Qualitätsmerkmal.
Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Leben als Betroffene von Rassismus und ein paar unangemessenen Gesprächen? Ich würde letzteres Wählen. Aber diese Wahl habe ich nicht. Stattdessen muss ich beides machen. Ihr hingegen habt die reale Möglichkeit euch mit Rassismus auseinanderzusetzen und aktiv dagegen vorzugehen – oder nicht. Bisher konntet ihr in Ruhe eure Augen verschließen, keine Farbe sehen, keine Probleme sehen, das ist nicht mein Bier, was geht mich das an. Bisher konntet ihr in Ruhe zum Erhalt rassistischer Strukturen beitragen, wart ihr doch doppelt blind: Blind für den Rassismus und blind für eure eigene Involviertheit. Diese Zeiten sind vorbei.

Wir haben heute mit euch zusammen den ersten Schritt gemacht. Es ist an euch den zweiten zu gehen.

Sophie, 13.06.20