Demo speech from 09.10.20

This speech was held at a demonstration that was devoted to A. A. Ibrahim’s efforts to acknowledge the attack on him as a racist motivated attempted murder. On 09.10.2019, a man tried to break into a synagogue in Halle. He couldn’t get in and shot two passersby. This attack gained global media attention, but barley anyone covered what happened to Ibrahim. The attacker hit him with his car when Ibrahim got out of a tram. Ibrahim is Black and from Somalia and given the attacker’s manifesto and his initial goal, it is obvious that the attack was motivated by racism. Nonetheless, court is only treating his case as a traffic offence.

Falken Halle organised a demonstration at the tram station where the incident happened. This is where I held this speech in German. I will provide a translation later.

Niemals wieder? – Eine Mahnung

Vor einem Jahr, am Tag des Anschlags, verspürte ich große Angst. Es war eine Angst, die ich schon mein ganzes Leben lang abstrakt mit mir trug – dass ich und meine BIPoC Brüder und Schwestern Ziele und Opfer extremer rassistischer Gewalt werden (die weniger extremen, alltäglichen Fälle sind uns ja bereits bestens vertraut). Jedenfalls wurde diese Angst mit einem Mal unglaublich real – Wenn ich früher von dieser Bedrohung sprach, die ich verspürte, inmitten unserer Gesellschaft lauernd, tat man meine Angst als Ungerechtfertigt ab. Ich hörte die üblichen Floskeln, die Rassismus an den äußeren Rand und geografisch ganz weit weg verorteten. Floskeln, die das weiße Gewissen des Bürgertums beruhigen und mit denen man sich leicht aus der Verantwortung ziehen kann. Denn wenn ich nicht rassistisch bin sondern die anderen, die da drüben, dann brauche ich auch nichts machen und kann die Läsung des Problems den anderen überlassen, wer auch immer das ist (ich bin es jedenfalls nicht). Dann liegt es nicht mehr in meiner Verantwortung rassistische Strukturen abzubauen, in die ich ja schließlich auch gar nicht involviert bin und von denen ich auch gar nicht profitiere. ich bin dann auch nicht in der Verantwortung für eine aktiv anti-rassistische Gesellschaft zu sorgen, die sich für den Schutz aller ihrer Bürger einsetzt. Auch bin ich dann nicht verantwortlich für Engagement, dem nicht erst der Verlust von Leben als Anlass vorausgeht. Ich kann mich dann ausruhen auf meinem „Rassismus? Das gibt es hier nicht“. Ich kann mich zurücklehnen in meinem „Rassismus? Dagegen kann ich nichts machen“.
Unter dem Schutz dieser Floskeln kann rechtes Gedankengut auf zahlreichen Herden vor sich hinköcheln. Zu Hause, in der Schule, auf Arbeit, in versteckten Online-Foren oder auch auf öffentlichen Plätzen, vor aller Augen, im Herzen der Stadt. Vor einem Jahr dann ging das Gemisch mit lauten Schüssen hoch. Und trotzdem legte man schnell wieder den Deckel aus Floskeln oven drauf. Man spricht vom Einzeltäter oder möglichen Verbindungen zum äußeren rechten Rand. Es bleibt ein Problem der anderen und man lässt es immer noch nicht in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Immer noch nicht versteht sich jeder einzelne als in der Lage und in der Pflicht durch Engagement im Großen und besonders im Kleinen seinen Beitrag zu leisten um dem Herd die Hitze abzudrehen. Stattdessen, unbeachtet, ungehindert kann das Gemisch weiter vor sich hinbrodeln. Und siehe da, die ersten Mengen können bereits überlaufen, können Hakenkreuze in Straßenbahnsitze und Bäume ritzen, können sie über Gedenkplakate sprühen – ohne dass ein Aufschrei die Stadt erfüllt.
Versuchen denn auch alle den Topf vom Herd zu nehmen, auch wenn man sich dabei vielleicht die Hand verbrennt?
Ein Jahr nach dem Anschlag sehe ich hinter dem „Niemals wieder“ jedenfalls immer noch keinen entschiedenen Punkt, sondern nur ein zögerliches, flehendes Fragezeichen

Sophie, 09.10.2020

As an addition, I said:

Der Satz „Wir verurteilen Rassismus“, mit dem sich so viele Instanzen schmücken, ist leer solange sie nicht auch aktiv dafür sorgen, dass Rassismus verurteilt werden kann

Sophie, 09.10.2020